Kritik Lichtensteig

Neutoggenburg: 09. Februar 2010

LICHTENSTEIG. Ein ganz besonderes Experiment konnten die Zuschauer am Samstag im Chössi-Theater erleben: Die Alderbuebe spielten Traditionelles und Bettina Castaño tanzte dazu Flamenco. Eine Darbietung zwischen Tradition und Improvisation.

MICHAEL HUG

Grossartige Ereignisse werfen ihren Schatten voraus. Dass da etwas besonders Sehens- und Hörenswertes auf das Chössi-Theater zukam, sprach sich schnell herum und ebenso schnell verkauften sich die Plätze: «Ausverkauft» hiess der für viele negative Bescheid schon Tage vor dem Anlass. Der Grund liegt sicher darin, dass der Name Alderbuebe für sich spricht und die Kombination von Appenzeller Streichmusik mit dem spanischen Flamenco anderseits für gespannte Erwartungen sorgte.

Dazu kam wie erwähnt der vorauseilende Schatten: Das Publikum der Ostschweiz, das die aufsehenerregende Show andernorts schon gesehen hatte, war restlos hingerissen vom Erlebten. Soeben sind die Fünf aus Dubai zurückgekehrt – auch der dortige Kulturclub war ausverkauft – und in zehn Tagen spielen und tanzen sie im Zürcher «Moods».

Begonnen wie gewohnt

Begonnen hat das Konzert im Chössi wie von den Alderbuebe gewohnt: Walter Alder am Hackbrett, der junge Alderspross und Geiger Michael Bösch, der Szenebassist Köbi Schiess und der Toggenburger Tausendsassa Willi Valotti am Akkordeon eröffneten mit dem Zäuerli «Sonneufgang of de Osteregg». Zum dritten Stück erschien der eigentliche Star des Abends, Bettina Castaño.

In einer sprichwörtlichen Entfaltung zwischen Tradition und Improvisation setzte sie den optischen und akustischen Kontrapunkt zu den vier distinguierten und schweigsamen – aber stets lächelnden – Herren im roten Brusttuch und braunen Sennenhosen. «Wo der Bartli den Most holt» muss es den Vieren vorgekommen sein, doch sie erholten sich schnell und ergänzten in der Folge das ewige Spiel zwischen Mann und Frau mit harmonischen Tönen.

Überraschende Ergänzung

Ob Walzer oder Mazurka, Polka oder Zäuerli – der Flamencotanz ergänzt sich überraschend gut mit der Appenzeller Streichmusik. Eigentlich eben doch keine Überraschung, denn Alderbuebe-Castaño vollzogen nur, was in der Ethnologie längst Geschichte ist. Einst zogen die Zigeuner des mittleren Ostens über Ungarn nach Europa und in der Folge entstand daraus auch die Appenzeller Streichmusik.

Doch die Zigeunerstämme Indiens fanden auch über Nordafrika den Weg nach Westeuropa, sprich Spanien – die Flamencokultur entstand. Wenn nun Bettina Castaño nach den Schottisch-Rhythmen der Alderbuebe einen Flamenco tanzt, wird zusammengefügt was die Geschichte vorgezeichnet hat. Und dies vollzogen die fünf Künstler keineswegs etwa nüchtern-nominell, sondern mit viel Spass und einer gehörigen Portion Schalk im Nacken.

Denn da wurde keine experimentelle und unverständliche Multikultisprache gesucht, sondern hüben wie drüben blieb man bei dem, was man wirklich gut kann – musizieren und «bödelen».

Fast unverändert liessen sich die bekannten Stücke aus dem Repertoire der Alderbuebe heraushören, so wie auch Castaño an ihrem tänzerischen Ausdruck nichts Authentisches vermissen liess.

Ihre Art der Interpretation ist keineswegs eine auf leisen Pfoten, und wären die vier Herren nicht schon öfter mit Castaño aufgetreten, sie wären wohl erst mal erschrocken ob des Feuers das in ihr steckt, beziehungsweise an ihren Schuhsohlen lodert. Auf die gemeinsamen kulturellen Wurzeln aufmerksam gemacht wurden die Alderbuebe von Bettina Castaño, sagte Willi Valotti.

Man sei einigermassen überrascht, welches Echo die eigentlich logische Verbindung nach ihren Auftritten auslöse, meinte der Toggenburger zum Schluss. Oder liegts vielleicht doch an Michael Böschs nagelneuen Sennenhosen? Gemäss den Worten von Willi Valotti wurden sie beim Wattwiler Modehändler mit dem Männermode-Leitspruch «urban & kernig» gekauft.


TT: Wie ist es zur Zusammenarbeit mit Bettina Castaño gekommen?

Valotti: Die Idee kam von einer Benissimo-Zuschauerin. Die Frau schlug vor, Schweizer Volksmusik mit Flamenco zu verbinden. Bettina Castaño hat uns angefragt und so kam ein Fernsehauftritt mit einem einzigen Stück zustande. Das war vor rund 15 Jahren.

TT: Welches ist der besondere Reiz mit einer Flamencotänzerin zusammenzuarbeiten?

Valotti: Abgesehen davon, dass man dabei die wunderbaren Bewegungen der Tänzerin betrachten kann, bringt es Dynamik in unser Spiel. Wenn sie energischer wird, beeinflusst das auch unsere Spielweise, wir spielen dann schon mal weniger brav.

TT: Bereitet es dem Ensemble grosse Mühe, sich auf den Flamenco umzustimmen?

Valotti: Überhaupt nicht, weil wir bis auf zwei Stücke alles aus unserem Repertoire spielen. Es ist eher Bettina, die sich uns angepasst hat. Sie hat unser Repertoire studiert und dann die geeigneten Tänze ausgesucht. (mhu)

„Musik muss gefühlt werden um sie in Tanz umzusetzen.“

Bettina Castaño