Kritik OPFIKON (2)

Stadt-Anzeiger   Donnerstag, 3. Dezember 2009 Nr. 49   Kultur

Bettina Castaño und die „Alderbuebe“

Flamenco trifft Appenzell

In der Kulturreihe Kabarett, Theter, Musik, Tanz und Literatur im Kleintheater Mettlen war am vergangenen Freitag, 27. November, ein aussergewöhnliches Ensemble zu Gast. Andalusischer Flamenco und Appenzeller Volksmusik, passt das zusammen? In dieser personellen Zusammensetzung  passt es, und wie. Flamenco und Volksmusik auf hohem Niveau und sorgfältig aufeinander abgestimmt ergeben eine wahrhaft beeindruckende Verbindung, das bewies die Veranstaltung in Mettlen-Theater. Und der frenetische Applaus unterstrich, dass der Auftritt in Opfikon sehr gut beim Publik ankam.

Das Ensemble: Walter Alder, Michael Bösch, willi Valotti, Bettina Castaño, Klaus-Peter Dorrn sowie Kobi Schiess (Foto: sp)

„Flamenco trifft Appenzell“, viele der Gekommenen konnten sich vor der Veranstaltung nichts Genaues unter diesem Titel vorstellen. Und mancher wird vergebens in seinem Erinne-rungsvermögen nach Ähnlichem gesucht haben. Tatsache ist, dass das Ensemble „Alderbuebe / Castaño“ etwas Neues und in dieser Form vorher nie Dargebotenes auf die Bühne bringt.  Basis für die erfolgreiche Zusammenarbeit bilden einerseits ein musikalisch hervorragendes Volksmusikquartett, das bereit und in der Lage ist, Musikgut anderer Kulturkreise in ihre Musik einzugliedern, andererseits eine überragende Flamencotänzerin, die über eine spezeille Beziehung zu appenzellischer Volksmusik verfügt und diese in Flamencotanz umzusetzen weiss.

So sind im Repertoire des Ensembles neben Zäuerli, Schottisch, Polka, Walzer und Naturjodel auch Einflüsse von Zigeunerweisen, Mazurka, Bluegrass, Musette, Tango, Csárdás, Paso Doble und sogar arabischer Musik nicht zu überhören. Weitere Merkmale ihrer Musik sind die stellenweise anspruchs-volle Rhythmik, die hohe Dynamik sowie die subtilen Passagen. Das Bühnenprogramm ist abwechslungsreich gestaltet:  Wechselweise tritt das Quratett allein oder zusammen mit der Tänzerin auf. Zum Schluss erschien in Opfikon sogar noch der Lichttechniker auf der Bühne. Er machte das Quartett mit seiner Gitarre nahtlos zu einem Quintett.

Bass und Perkussion: Auch hier stellte Bettina Castaño ihre rhythmische Sicherheit unter Beweis.

Von besonderem Interesse dürfte in diesem Zusammenhang die Biografie des Ensembles sein. Hier ein kurzer Überblick.

Alderbuebe

Seit 125 Jahren ist der Name „Alder" ein Begriff für gepflegte Appenzeller Musik. Die „Alderbuebe" gehören heute zu den berühmtesten Volksmusikensembles der Schweiz. Zahlreiche Auftritte im In- und Ausland sowie im Radio und Fernsehen machten das Ensemble sowohl in der Schweiz als auch weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Dank ihrer vielen Eigenkompositionen und Dank des Einbezugs fremdländischer Klänge in ihr breitgefächertes Repertoire nehmen die „Alderbuebe" eine spezielle Stellung innerhalb des Genres der Schweizer Volksmusik ein.

Die Streichmusik Alder Urnäsch wurde im Jahr 1884 von den beiden Brüdern Johannes und Ulrich Alder gegründet. Gegenwärtig ist die dritte, vierte und fünfte Generation musikalisch in verschiedene Formationen eingebunden. „Wegen es starken Engagements und der vielen Anfragen tauschen wir unserer Musikanten bei Bedarf innerhalb dreier Formationen aus. Das erlaubt uns, optimal auf die jeweiligen Kundenwünsche einzugehen!", meinte der aus vierter Generation stammende Walter Alder.

Der in Opfikon auftretenden „Alderbuebe"-Formation gehören an: Walter Alder, Hackbrett; Michael Bösch, Violine; Willi Valotti, Akkordeon; sowie Köbi Schiess, Bass. Lichttechniker und Gitarrist bei den letzten Stücken war Klaus-Peter Dorrn.

Bettina Castaño

Mit Bettina Castaño stand ohne Frage eine Ausnahmekünstlerin ihres Mitiers auf der Bühne des Mettlen-Theaters. Flamencotänzerinnen faszinieren entweder durch eine blendende Technik, durch die Itensität ihrer Interpretation oder beeindrucken durch ihre Bereitschaft zum Risiko. Bettina Castaño vereint offensichtlich alle diese Merkmale in einer Person. Sie ist eine der auffallendsten Flamenoctänerzinnen der neuen Generation in Sevilla.

Das riesige Tanzrepertoire von Bettina Castaño erstreckt sich vom klassischen Flamenco über interkulturelle Darbietungen und ausgefeilte Duo-Programme bis hin zu Verbindungen von Flamenco mit Musik von Bach, Brahms oder Strawinsky. Zusammen mit weiteren Flamencotänzerinnen der neuen Generation hat sie den Ragtime und Charleston, den Walzer und Tango Argentino sowie die spanisch-klassiche Musik in den Flamenco einbezogen. Das Programm „Flamenco meets Appenzell" entstand vor rund fünf Jahren.

Unter den Musikern, mit denen Bettina Castaño ständig zusammen spielt und regelmässig auftritt, finden sich immerhin Namen wie Miguel Pérez, José Manolo Tudela, Manolo Pérez und El Espina, alles herausragende Gitarristen. Ebenso der Sänger Antonio Saavedra sowie Manuel Salgado, der Palmero der ganzen Gruppe. „Wir haben es hier mit einer enrsthaften Tänzerin von erstaunlicher musikalischer Intelligenz und bewundernswerter Zeilstrebigkeit zu tun. Für uns steht die Name La Castaño für die Lebendigkeit und Freude am Tanz", heisst es in Sevilla.

Seit ihrer Kindheit ist Bettina Castaño fasziniert vom Flamenco. Andalusische Zigeuner haben ihre Leidenschaft für diesen Tanz geweckt. Auf ihrem künstlerischen Laufweg hat sie viele verschiedene Meisterinnen und Meister des Flamencotanzes, des Gesangs und der Gitarre kennengelernt. Alle trugen dazu bei, ihre Tanzkunst von Jahr zu Jahr zu verbessern. Der Flamenco ist ein Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen. Insofern geht die Künstlerin indischen, persischen und maurischen Einflüssen nach, und gliedert sie ihren Produktionen ein.

Bettina Castaño spielt seit ihrer Jugend Cello. So oft als möglich widmet sie sich dem Cellospiel und ist dadurch ständig ganz nahe an der Musik. Die Künstlerin lebt und arbeitet im Palacio de Cultura in Sevilla. Hier treffen sich Flamencogruppen aus der ganzen Welt, hier werden Ideen ausgetauscht, und hier entstehen Produktionen.

Restlos ausverkaufte Vorstellung

„Ich bin überwältigt von den vielen Besuchern!", begann Rolf Baumgarnter die Begrüssung der Gäste und seine anschliessend einführenden Worte. „Full house" traf gewiss in jeder Hinsicht auf diese Vorstellung zu. An der Kasse herrschte ständig Hochbetrieb, ebenso an der Bar. Und das Hinzustellen weiterer Stühle liess auch die Akteure neben der Bühne nicht zur Ruhe kommen. Ein restlos ausverkaufter Saal und ein rundum zufriedendes Publikum zeichneten diesen Abend aus. Erneut ein programmplanerischer Volltreffer, wie der anhaltende Schlussapplaus bestätigte. Theaterintendant Rolf Baumgartner dankte zum Schluss allen Anwesenden für ihr zahlreiches Erscheinen. /sp

Ein wahrer Wirbelwind: Bettina Castaño

„Musik muss gefühlt werden um sie in Tanz umzusetzen.“

Bettina Castaño