Kritik OPFIKON (1)

Montag, 30. November 2009 (vom Zürcher Unterländer)

Opfikon Kleintheater-Veranstalter wagen ein Experiment und werden überrannt.

Urchiges trifft auf Heissblütiges

Bettina Castaño tanzt Flamenco nicht nur zu Flamencomusik – auch zu Klängen aus dem Appenzell legt sie los. (Foto: Leo Wyden)

Die Alder-Buebe und Flamencotänzerin Bettina Castaño sind am Freitag gemeinsam auf der Bühne des Opfiker Kleintheaters Mettlen gestanden. Die ungewöhnliche Mischung füllte den Saal.

von Marlies Reutimann

«Die Menschen suchen in Zeiten der Globalisierung offensicht-lich vermehrt nach ihren Traditionen», sagt Rolf Baumgartner, Leiter des Kleintheaters Mettlen. «Kaum war bekannt, dass wir die Flamencotänzerin Bettina Castaño zusammen mit den Alder-Buebe präsentieren dürfen, war die Vorstellung aus-verkauft. Wir wurden richtiggehend überrannt.»

Erwachsene unterschiedlicher Generationen treffen sich an diesem Samstag zu einem aussergewöhnlichen Konzert und erleben, wie der Flamencotanz und das Appenzell aufein-andertreffen. Die Alder Buebe – Walter Alder am Hackbrett, Michael Bösch an der Violine, Willi Vallotti am Akkordeon und Köbi Schiess am Bass – spielen unbekümmert drauflos, und vom ersten Ton an ist die geheimnisvolle Verbindung der urtümlichen Appenzeller Musik mit den spanischen Rhythmen spürbar.

Ihr Instrument hat sie immer dabei

Castaño setzt ihren Körper als Instrument ein: Ihre hämmern-den Füsse bewegen sich in solch atemberaubendem Tempo, dass man denken könnte, sie hätte mehr als zwei davon. Die Hände klatschen den Takt, auch kommen Kastagnetten zum Einsatz. Jede Bewegung versprüht

Lebensfreude, Eleganz und Kraft. Castaños Gesichtsausdruck verrät Konzentration und Hingabe. Castaño stammt aus dem Appenzell und lebt seit 25 Jahren im spanischen Sevilla, wo sich Flamencogruppen aus aller Welt treffen. So entstehen neue Ideen, Produktionen werden erarbeitet.

«Flamenco ist ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen und hat eine lange, interessante Geschichte», erklärt die Künstle-rin. «Einflüsse aus der indischen Kultur gehören beispielsweise mit dazu.» Die Kunst von Castaños Arbeit besteht darin, verschiedene Stilrichtungen zu mischen, ohne deren Identität zu verfälschen.

Vor zwölf Jahren unterbreitete Castaño den Alder-Buebe die Idee einer Zusammenarbeit. Die urchige Appenzeller Formation war neuen musikalischen Einflüssen noch nie verschlossen – die Vorbereitung begann. «Ich wähle die Musikstücke aus und erarbeite die Choreografie. Danach war viel, viel Üben angesagt», beschreibt die erfolgreiche Tänzerin ihre Arbeit. «Pro Jahr vertanze ich einige Paar Schuhe», lächelt sie.

Verwirrend, aber begeisternd

Ein Höhepunkt des Konzerts mit den Alder-Buebe ist, als die Appenzeller Taler schwingen und Castaño dazu tanzt – dabei entsteht ein Klangmuster, das nirgends einzuordnen ist. Man weiss nicht, ob die eigenwillige Melodie nun Heim- oder Fern-weh auslöst. Das Publikum lauscht, singt mit, klatscht und lässt sich allzu gerne auf die «verwirrende» musikalische Reise mitnehmen.

Besucherin Valentina Pinto und ihr Begleiter Reto Dräger sind begeistert. Sie hätten schon viele Stilmixe gehört, meinen sie – aber so was noch nie. «Das Zusammenspiel dieser beiden musikalischen Welten berührt mich sehr», sagt die 22-jährige Pinto, die selber Flamenco tanzt. «An diesem Abend habe ich die Appenzeller Musik neu kennengelernt.» Mit stehenden Ovationen wurden die Künstler begeistert entlassen.

„Musik muss gefühlt werden um sie in Tanz umzusetzen.“

Bettina Castaño