Kritik Bühl 15. März 2010

Badisches Tagblatt Bühlot-Acher-Kurier

Den Weltschmerz mit nur einer Silbe ausgedrückt

Die Flamentänzerin Bettina Castaño und ihr fünfköpfiges Ensemble begeistern die Besucher im Bürgerhaus Neuer Markt

VON WOLFGANG WINTER

Bühl – Grandioser Auftritt im Bürgerhaus Neuer Markt: Flamenco-Tänzerin Bettina Castaño und ihr fünfköpfiges Begleitensemble wurden von den begeisterten Besuchern mit stehenden Ovationen gefeiert.

Castaño liebt die Abwechselung. Als erste Flamencotänzerin der Welt tantzt sie zum 7/8-Takt afghanischer Perkussionisten, lässt ihre Absätze zu Bachs Cellosuiten klackern oder kooperiert mit einer Gruppe appenzeller Volksmusikanten. In Bühl wurde der „Pulse of India" angesagt. Eine Überschrift, die der vorgeführten Fülle musikalischer Ausdrucksformen nur zum Teil gerecht wird – keineswegs zum Nachteil des Publikums. So beginnt das Programm mit einer typischen spanischen „Granaina" und einer „Rumba Mora" der großartigen Gitarristen El Espina und Mariano Campallo.

Die virtuosen Spieltechniken der Flamenco-Gitarristen vom triolischen Daumenschlag „Alzapua" bis zum rasenden Saitenwirbel des „Rasgueado" beherrschen beide Musiker mit traumhafter Sicherheit. Allein ein Duoabend mit El Espina und Campallo wäre das Eintrittsgeld wert gewesen.

Bettina Castaño auf der Bühne des Bühler Bürgerhauses, unterstützt vom Sänger David Hornillo und dem Flamenco-Gitarristen El Espina.

Sänger David Hornillo, geboren 1981, ist das dritte Ass im Ärmel des Flamenco-Quartetts. Der Nachwuchsstar findet an diesem Abend zur „expresión de uno mismo“, dem „Ausdruck des eigenen Selbst“, der vom Flamenco-Sänger erhofft wird. Allein sein eröffnendes, sich ins Unendliche dehnende „Ay“ schien den Schmerz des ganzen Planeten in sich zu bergen. Die berühmte spanische Sängerin Angelita Gómez erklärt zum Anspruch des Flamenco-Gesangs: „Man fühlt den Schmerz, die Musik drückt noch mehr Schmerz aus, dadurch empfindet man selbst intensiver, dann können die Gefühle sich verändern, man überwlndet den Scherz indem man ihn ausdrückt.“ Der Cantaores Rafael Heredia sagt aber auch: „Der Gesang soll kurz sein, damit er bei den Leuten wie kelie Karamel-Bonbons an den Zähnen kleben bleibt. Damit sie sagen, ich will es noch mal hören.“ Ein Ratschlag, den Hornillo an diesem Abend ebenfalls formvollendet beherzigte.

Der von Bettina Castaño fabelhaft getanzte und den drei Musikern begleitende “Seguiriya” wurde so zum Höhepunkt des Flamencoteils. Dazu kamen Weltmusik Einsprengsel, die zeitweise an John McLaughlins „Shakti“ erinnerten, dem sich der Tanzstil Castaños höchst graziös und anmutig anpasste.

Grandioser Auftritt: Bettina Castaño tanzt als erste Flamencotänzerin der Welt zu Bachs Cellosuiten und zum 7/8-Takt afghanischer Perkussionisten. „Standing Ovations“ gab es für diesen Abend. Foto: Daniela Busam

Der variantenreiche indische Pulsschlag wurde von den südindischen Perkussionskünstlern Mattanur Sankarankutty (Chenda) und Karuna Moorthy (Tavil) meisterlich in Gang gehalten. Ihre gediegene, unvorstellbar zeitaufwendige Ausbildung, bei der die totale Hingabe des Schülers an den als „Guru“ verehrten Lehrer gefordert wird, befähgite sie, ein atemberaubendes Leistungsniveau zu erklimmen. Sankarankuttys Familie zum Beispiel gehört seit Generationen zu den Perkussionsiten des Mattanur Tempels in Kerala. Bereits als Sechsjähriger erhielt der talentierte Nachwuchstronmler den ersten Unterricht. Das glänzend aufeinander abgestimmte Ensemble wurde von den Besuchern mit enthusiastischen Applaus bedacht.

„Musik muss gefühlt werden um sie in Tanz umzusetzen.“

Bettina Castaño