Kritik Hechingen 11. März 2010

Hohenzollerische Zeitung

Zwei Seiten einer Medaille

Bettina Castaño bringt Flamenco und südindische Tempelmusik in Einklang

VON EBERHARD WAIS

Hechingen. "Die mit den Kulturen tanzt", nannte sie ein Bewunderer und besser kann man es nicht beschreiben, was Bettina Castaño, Flamencotänzerin aus Sevilla, macht. In Hechingen schlug sie die Brücke nach Südindien.

Sie kommt vom traditionellen Flamenco und ihre geschliffene Tanztechnik, ihre Inspiration, ihr Temperament machen sie zu einer der besten Interpretinnen im tollkühnen Zapateado-Tempo, im Stakkato der Füße, und mit ihren anmutigen, verspielten Bewegungen, dem Braceo. Gerade aber letztes zeigt, dass sie sich in ihrer inzwischen 20jährigen Karriere eine künstlerische Freiheit erarbeitet hat, die es ihr gestattet, mühelos Brücken zu schlagen zu anderen Musikkulturen. Ob sie mit Appenzeller Streichmusikern auftritt (sie kommt von dort!), mit slowakischen Geigern oder mit Meistern der südindischen Tempelmusik (mit Tavil und Chenda).

Spanischer Flamenco im Sari: Bettina Castaño. Fotos: Eberhard Wais

Mit ihrem Programm "Puls of India", mit dem sie sogar in Indien selbst Aufmerksamkeit erregte, stellt sie eine spanisch-indische Verbindung her, die vermutlich uralt ist. Denn der Flamenco hat seinen Ursprung bei indischen Zigeunern, die ihn nach Spanien brachten. Sie tritt mit den besten Musikern Indiens auf, Karuna Moorthy, ein begnadeter Tavilspieler, der weltweit Konzerte gibt, und Mattanur Sankarankutty, ein Meister der Chenda-Perkussion, der 2009 den höchsten indischen Musikpreis erhielt. Beide ließen auch in Hechingen bei "mantra" und "talas" ihre einmalige Kunstfertigkeit erkennen. Wenn Bettina Castaño dann diese Musik mit ihren meditativen Stilfiguren verbindet, kommt es zur begeisternden Symbiose - wenngleich das Hörerlebnis für unsere Ohren schon noch ungewöhnlich sein mag.

Zweifellos ist Castaño eine der herausragenden Flamencotänzerinnen der neuen Generation, die fähig ist, traditionelle Grenzen zu überwinden. Den Weg bereiten ihr dazu allerdings auch die begleitenden Musiker. In Hechingen waren dies El Espina mit der zwölfsaitigen Gitarre und Flamencogitarre und Mariano Campallo mit der Flamencogitarre und als Sänger und Palmero David Hornillo. Den indischen Anteil übernehmen die beiden indischen Perkussionisten, Karuna Moorthy (Tavil) und Mattanur Sankarankutty (Chenda). Dabei werden nicht nur ihre Instrumente, mal hölzern, mal metallisch klingend, zum Kommunikationsmittel, sie kommunizieren auch in Art eines Sprechgesangs.

Was beim Konzert in Hechingen für den weniger kundigen Besucher vielleicht gefehlt hat, wart eine Erläuterung der getanzten und gespielten Stücke. Aber bei Bettina Castaño geht es ja auch weniger um das faktische als um das getanzte Gefühl, das Einfühlen in Musik und die Umsetzung in Bewegung und Anmut, und das kennt keine kulturellen und schon gar keine nationalen Grenzen. Deshalb lassen sich spanische und indische Tradition auch so perfekt zusammenbringen. Man könnte auch sagen, dass es zwei Seiten einer Medaille sind und Bettina Castaño gebührt eindeutig die goldene.

„Musik muss gefühlt werden um sie in Tanz umzusetzen.“

Bettina Castaño